High-End-Grafikkarten werden immer schneller – gleichzeitig sind ihre Stromanschlüsse in den vergangenen Jahren zu einem unerwartet kontroversen Thema geworden. Besonders rund um 12VHPWR und dessen Nachfolger 12V-2×6 sorgten beschädigte oder geschmolzene Anschlüsse immer wieder für Diskussionen.
Thermal Grizzly geht das Problem mit dem WireView Pro II vergleichsweise pragmatisch an: Das kleine Modul sitzt direkt zwischen Netzteilkabel und Grafikkarte und überwacht nicht nur den gesamten Stromverbrauch, sondern die Belastung der einzelnen Leitungen.
Nun bekommt das System eine besonders aufwendige Variante. Gemeinsam mit Noctua bringt Thermal Grizzly den WireView Pro II Noctua Edition auf den Markt.
Die komplette Überwachungstechnik des Pro II bleibt erhalten. Neu sind ein deutlich größerer CNC-gefräster Aluminiumkühlkörper und ein speziell angepasster Noctua NF-A4x10 PWM.
Der Preis fällt allerdings ebenfalls ziemlich „High-End“ aus: 189,90 Euro.
Warum die Gesamtleistung allein nicht reicht
Eine Grafikkarte kann beispielsweise 450 Watt aufnehmen, ohne dass dies grundsätzlich problematisch wäre.
Entscheidend ist jedoch, wie gleichmäßig sich dieser Strom auf die einzelnen Kontakte des Anschlusses verteilt.
Genau hier setzt der WireView Pro II an.
Das Gerät misst den Strom der einzelnen 12-V-Leitungen separat. Dadurch kann eine ungewöhnliche Belastungsverteilung erkannt werden, bevor ein einzelner Kontakt möglicherweise kritisch heiß wird.
Zusätzlich werden Spannung, Gesamtleistung und Temperaturen überwacht.
Das ist wesentlich aussagekräftiger als eine reine Anzeige des gesamten GPU-Stromverbrauchs.
Warnung bei ungewöhnlicher Lastverteilung
Erkennt der WireView Pro II eine problematische Situation, stehen mehrere Schutzmechanismen zur Verfügung.
Das Gerät kann optisch und akustisch warnen.
Zusätzlich lässt sich über ein entsprechendes Kabel eine automatische Abschaltung des Systems konfigurieren.
Damit soll verhindert werden, dass eine problematische Verbindung über längere Zeit weiter mit mehreren hundert Watt belastet wird.
Gerade Besitzer einer GeForce RTX 5090 oder anderer sehr leistungsstarker Grafikkarten dürften zur Kernzielgruppe gehören.
Noctua löst ein anderes Problem des WireView
Interessanterweise verändert die Noctua Edition nicht die eigentliche Messtechnik.
Thermal Grizzly hatte beim normalen WireView Pro II bereits eine aktive Kühlung integriert.
Der verwendete kleine Lüfter muss jedoch relativ hohe Drehzahlen erreichen und kann deshalb in einem ansonsten sehr leisen Rechner hörbar werden.
Genau hier kommt Noctua ins Spiel.
Statt des bisherigen kleineren Lüfters verwendet die Sonderversion einen speziell angepassten NF-A4x10 mit 40 Millimetern Durchmesser.
Gleichzeitig wurde der Kühlkörper deutlich vergrößert.
Das Ziel: Der Lüfter soll möglichst häufig überhaupt nicht laufen müssen.
Bei 300 Watt bleibt der Lüfter im Test komplett aus
Noctua hat beide Varianten unter identischen Bedingungen verglichen.
Dabei wurde bewusst ein ungünstiges Szenario mit mehr als 40 Grad Celsius Gehäusetemperatur und ohne zusätzliche Gehäuselüfter gewählt.
Bei 200, 250 und 300 Watt GPU-Leistungsaufnahme blieb der Lüfter der Noctua Edition während des gesamten Tests ausgeschaltet.
Der normale WireView Pro II benötigte bei 300 Watt bereits nach rund zwei Minuten und 15 Sekunden aktive Kühlung.
Erst bei höheren Lasten muss auch die Noctua-Version irgendwann ihren Lüfter einschalten.
Interessant ist dann die Drehzahl.
Während der Standardlüfter ungefähr 5.000 U/min erreichen kann, arbeitet die Noctua-Lösung laut Herstellervergleich mit weniger als 2.000 U/min.
21,5 statt 39,4 dB(A)
Noctua hat außerdem Messwerte aus zehn Zentimetern Entfernung veröffentlicht.
Die Standardversion erreichte dabei 39,4 dB(A).
Die Noctua Edition kam unter den gleichen Bedingungen auf 21,5 dB(A).
In einem Meter Entfernung nennt Noctua lediglich rund 1,5 dB(A) über dem Grundgeräuschpegel des Messraums.
Diese Werte stammen aus Hersteller-Messungen und sind keine eigenen Daily-Media-Ergebnisse.
Genau deshalb wäre ein eigener Vergleich ausgesprochen interessant.
Auch der GPU-Stecker soll kühler bleiben
Die größere Kühllösung wirkt sich laut Noctua nicht nur auf das Geräusch aus.
Bei den internen Vergleichsmessungen lag die Temperatur am Stromanschluss der Grafikkarte durchschnittlich ungefähr drei Grad Celsius niedriger.
Das ist plausibel, da der größere Kühlkörper und der Luftstrom des NF-A4x10 nicht ausschließlich die Elektronik des WireView beeinflussen.
Ob sich dieser Unterschied in einem normalen Gaming-PC mit guter Gehäusebelüftung ebenfalls reproduzieren lässt, wäre allerdings zu prüfen.
TFT-Display direkt im Rechner
Die wichtigsten Informationen lassen sich direkt am Gerät ablesen.
Thermal Grizzly verbaut ein farbiges TFT-IPS-Display mit 320 × 170 Pixeln.
Neben der Gesamtleistung können unter anderem Strom, Spannung und Temperatur angezeigt werden.
Besonders wichtig ist jedoch die Darstellung der einzelnen Leitungen.
Damit lässt sich schnell erkennen, ob eine davon erheblich stärker belastet wird als die anderen.
Das Display kann in den Einstellungen um 180 Grad gedreht werden.
Normal oder Reversed
Beim Kauf muss trotzdem genau hingesehen werden.
Thermal Grizzly bietet den WireView Pro II Noctua Edition als Normal- und Reversed-Version an.
Welche davon benötigt wird, hängt von der Ausrichtung des 12V-2×6-Anschlusses auf der Grafikkarte ab.
Vor einer Bestellung sollte deshalb unbedingt die offizielle Kompatibilitätsliste beziehungsweise technische Zeichnung geprüft werden.
Auch der Abstand zwischen Grafikkarte und Seitenteil des Gehäuses spielt eine Rolle.
Der größere Noctua-Kühlkörper benötigt naturgemäß mehr Platz als ein gewöhnlicher Stromstecker.
Nicht für jede Grafikkarte geeignet
Gerade bei diesem Produkt ist die Kompatibilität ein wichtiger Punkt.
Thermal Grizzly weist ausdrücklich darauf hin, dass vor dem Kauf nicht nur der Stromanschluss selbst, sondern auch dessen Position auf der Grafikkarte kontrolliert werden muss.
Eine pauschale Aussage wie „funktioniert mit jeder RTX 5090“ wäre deshalb falsch.
Für einen Test würden wir das Gerät ausschließlich mit einer vom Hersteller bestätigten kompatiblen Grafikkarte verwenden.
Zwei Jahre zusätzliche Absicherung
Interessant ist außerdem die erweiterte Garantie des WireView-Pro-II-Konzepts.
Thermal Grizzly bietet unter definierten Bedingungen eine zweijährige Absicherung für Schäden am 12VHPWR- beziehungsweise 12V-2×6-Anschluss der verwendeten Grafikkarte.
Die genauen Garantiebedingungen müssen selbstverständlich eingehalten werden.
Für Besitzer einer Grafikkarte, die deutlich über 2.000 Euro kosten kann, dürfte gerade dieser Punkt nicht uninteressant sein.
USB-C für Firmware-Updates
Über USB-C lässt sich die Firmware des WireView aktualisieren.
Darüber hinaus besitzt das Gerät Anschlüsse für externe Temperatursensoren.
Dadurch könnte beispielsweise zusätzlich die Temperatur an anderen Komponenten des Systems überwacht werden.
Gerade für Enthusiasten, Overclocker und Custom-Wasserkühlungen passt das gut zum Konzept.
Technische Daten
Produkt: Thermal Grizzly WireView Pro II Noctua Edition
GPU-Anschluss: 12V-2×6
Messung: Strom pro einzelner 12-V-Leitung
Weitere Messwerte: Spannung, Leistung und Temperatur
Display: TFT-IPS
Auflösung: 320 × 170 Pixel
Kühlung: Noctua NF-A4x10 PWM
Kühlkörper: CNC-gefrästes Aluminium
Betrieb: semi-passiv
USB: USB-C
Externe Sensoren: 10-kΩ-NTC-Sensoren unterstützt
Messtoleranz: ±4 Prozent
Varianten: Normal und Reversed
Preis Deutschland: 189,90 Euro
Verfügbarkeit: ab sofort
189,90 Euro sind viel Geld für einen Stromwächter
Über den Preis muss man nicht lange diskutieren.
189,90 Euro sind für ein Überwachungsmodul ausgesprochen viel Geld.
Der normale WireView Pro II beginnt aktuell bei rund 120 Euro und bietet grundsätzlich die gleiche Überwachungsfunktion.
Der Aufpreis wird also hauptsächlich für die aufwendigere Kühllösung und den Noctua-Lüfter verlangt.
Für eine Mittelklasse-Grafikkarte ergibt das wirtschaftlich wenig Sinn.
Anders sieht die Rechnung bei einem extrem leistungsstarken Gaming-PC aus.
Wer mehrere tausend Euro in Grafikkarte, Prozessor, Wasserkühlung und ein möglichst leises System investiert, könnte die zusätzliche Überwachung als eine Art technische Versicherung betrachten.